KMG-Projekt:
Schulstaat Karlifornien wird von Jugendlichen regiert

Südkurier 05.07.2016 von Mona Lippisch

Schüler des Karl-Maybach-Gymnasiums spielen große Politik: "Schule als Staat" heißt das Projekt.
Es endet mit einem Abschlusskonzert am Freitag

Ohne gültige Aufenthaltsberechtigung, einem Tagesvisum, bekommen Besucher Probleme mit Zollbeamten und dürfen den Schulstaat Karlifornien nicht betreten. Bis Freitag herrschen am Häfler Karl-Maybach-Gymnasium (KMG) nämlich andere Regeln als im normalen Schulalltag: Schüler und Lehrer realisieren gemeinsam das Projekt "Schule als Staat".

 

Präsident Danny Luu ist stolz auf den Schulstaat Karlifornien: "Heute ist genau der Dienstag, an dem wir Geschichte schreiben werden, Geschichte für Karlifornien", sagte Luu gestern. "Schön ist auch, dass wir hier alle gleichberechtigt sind – sowohl Schüler als auch Lehrer." Schon seit etwa zwei Monaten habe sich die gesamte Schule auf diese Zeit vorbereitet, erklärt der Präsident und beendet mit den Worten "lang lebe Karlifornien" seine Rede.

Neben vielen Essenständen, einem Kino, Foto- sowie Beautystudio gibt es auch Polizisten sowie eine staatseigene Presse. Die Karlifornische Post ist – ähnlich wie der SÜDKURIER – immer im Geschehen und versucht interessante Ereignisse mit Text und Bildern festzuhalten. "Ich schreibe gerne und finde den Beruf einfach spannend", begründet Joy Eggli aus der 5d ihre Entscheidung für das journalistische Arbeiten im Schul-Staat. Auch Marie Scholtes aus der 10d hat einen aufregenden Job. Sie hilft an der Geldwechselstelle und ist dafür zuständig, dass der Tausch von Euro in die staatseigene Währung Karlonen korrekt abläuft. "Der Wechselkurs beträgt ein Euro zu zehn Karlonen", erklärt Marie Scholtes.

Nicht nur Schüler und Lehrer interessieren sich für die Umsetzung des aufwändigen Projektes. Ebenfalls neugierige Besucher schlendern durch die Schule, schauen sich um, genießen leckeres Essen, kaufen sich ein Andenken im Souvenirshop oder nutzen eines der vielen weiteren Angebote. "Das ist hier alles sehr realitätsnah, mal etwas ganz anderes", findet Martin Hahn, Landtagsabgeordneter der Grünen. Dieses Experiment sei für jedermann eine beispielhafte Erfahrung. "Es fängt schon bei der Einlasskontrolle an. Das Beamtenwesen ist einfach wichtig für einen Staat", weiß der Landtagsabgeordnete. Er freue sich, dass das Staatswesen Karliforniens ein sehr demokratisches ist. "Wenn die Staatseigenschaften funktionieren, ist das schon eine beachtliche Leistung", sagt Hahn.

Über eine starke Schulgemeinschaft, ohne die das Projekt nicht hätte organisiert werden können, freut sich besonders Schulleiter Christoph Felder. "Wir spielen ein 'Plumsspiel', das mit vollem Risiko ganze vier Tage einnimmt. Und wir wissen heute noch nicht, wo wir am Ende stehen werden", so Felder.

"Schule als Staat"

  • Projekt: Die Motivation des Projekts am KMG liegt darin, den Schülern Politik und Wirtschaft einmal anders zu erklären und Abwechslung in den Schulalltag zu bringen. Rund 750 Personen nehmen teil, zahlreiche Unternehmen wurden gegründet, eine Fahne, Währung und Hymne und vieles mehr ausgewählt.
  • Kulturprogramm: Am heutigen Mittwoch, 10 Uhr, findet eine Märchenstunde im Raum 4.350 statt. Um 17.30 Uhr gibt es ein karlifornisches "Wer wird Millionär" im Cinema. Das Abschlusskonzert beginnt am Freitag um 19 Uhr auf dem Hof.

Friedrichshafen sz vonTanja Große-Erwig
„Karlifornien“ öffnet seine Türen für Besucher: Das Karl-Maybach-Gymnasium hat am Dienstagmorgen auf dem großen Schulhof die Staatseröffnung „Karliforniens“ gefeiert. Für vier Tage wird die Schule im Rahmen des Projektes „Schule als Staat“ in Schülerhand übergeben und täglich von 9 bis 20 Uhr für Besucher geöffnet sein. Zur feierlichen Staatseröffnung sangen alle gemeinsam die „karlifornische“ Nationalhymne.

Als besonderer Gast war der Landtagsabgeordnete der Grünen, Martin Hahn, eingeladen worden. In einer kleinen Ansprache lobte dieser die gelungende Staatsgründung als großen Schritt, gerade zu einer Zeit der „Rückgründungen“ auf internationaler Ebene. „Karlifornien könnte bilaterale Beziehungen mit Baden-Württemberg aufnehmen, das würde uns Zölle und viel Bürokratie ersparen“, schlug er augenzwinkernd vor. Für das Projekt hatte die BB-Bank 3000 Euro aus Gewinnsparmitteln gespendet, Filialdirektor Alexander Böhler zeigte sich sehr angetan: „So etwas hat es zu meiner Schulzeit leider noch nicht gegeben. Das ist eine tolle Investition in unsere Zukunft, sehr realitätsnah und vorbildlich.“

Schulleiter Christoph Felder bedauerte, dass der Enkel Karl-Maybachs krankheitsbedingt leider nicht wie geplant die Staatseröffnung übernehmen konnte. Seine Rede schloss er mit den Worten: „Ich ziehe mich nun in den Tourismus-Bereich zurück und übergebe an euren Präsidenten Danny Luu.“ Luu sagte: „Dies ist der Dienstag, an dem Karlifornien Geschichte schreibt“ und ermunterte die Schüler, die unterrichtsfreie Zeit in „Karlifornien“ zu genießen.

Hochbetrieb an Wechselstuben

Gleich am ersten Tag drängten sich viele Besucher an den Eingängen, um für fünf Euro ein Tagesvisum für „Karlifornien“ zu kaufen. An den drei Wechselstuben herrschte Hochbetrieb: Alle wollten ihre Euros in die „karlifornische“ Währung „Karlonen“ umtauschen, um damit beispielsweise Gebäck, Wraps, Smoothies, Frozen-Joghurts, Cocktails oder Eis zu kaufen. Die Schüler haben rund 90 verschiedene Unternehmen gegründet. An Ständen bieten sie Speisen, Getränke, Produkte und Dienstleistungen an. Von der Zeitung über Marketingagenturen, Tattoostudios und Anwaltskanzleien bis hin zur Datingagentur und einem Standesamt ist hier alles vertreten. Es gibt sogar eine Touristeninformation, Kita, Karaoke-Bar, ein Casino und viele Beauty- und Wellnessangebote. „Karlifornien“ hat eine eigene Polizei, Müllabfuhr und Zentralbank sowie ein Parlament, Gericht, Arbeits- und Finanzamt. „Es soll sogar schon die erste Klage geben“, verrät Kanzler Niklas Sieweke. In „Karlifornien“ seien übrigens auch gleichgeschlechtliche Ehen und Polygamie erlaubt.